UNSER ZIEL

ist ein SELBSTÄNDIGES Kind,
das gut & gerne SPRICHT und
sich gut & gerne BEWEGT.

Selbständigkeit versuchen wir den Kindern so zu vermitteln:

  1. Wir zeigen den Kindern unser Vertrauen, indem wir ihnen zutrauen, lösbare Alltags-Aufgaben OHNE unsere Hilfe zu bewältigen. 
  2. Unser Vertrauen ins Kind ist die Basis für das Selbstvertrauen des Kindes in sich selbst. 
  3. Das Selbstvertrauen des Kindes ist die Basis für die Selbständigkeit des Kindes. 

Sprache erlernen Kinder durch Sprechen.
Wir müssen also viel, gut und gerne mit den Kindern sprechen.

Bewegung erlernen Kinder, indem sie sich selbst bewegen.
Wir müssen also dafür sorgen, dass die Kinder sich viel, gut und gerne bewegen.  

Ein simples Beispiel: Wir sitzen am Mittagstisch. Ein 2,5-jähriges Kind ist schon fertig mit Essen und sagt: „Ich habe Durst“. Einfach und schnell, dafür aber auch FALSCH wäre, wenn ein Erwachsener aufsteht und dem Kind seinen Becher bringt. RICHTIG wäre, zum Kind zu sagen: „Steig vom Stuhl und hol Dir Deinen Becher vom Schrank. Dann kannst wieder auf Deinen Stuhl steigen und etwas trinken, solange wir noch essen.“ 

Dadurch trauen wir dem Kind zu, alleine vom Stuhl zu steigen, selbst seinen Becher zum Tisch zu tragen, wieder alleine auf den Stuhl zu steigen und dann zu trinken. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass das Kind uns versteht (Sprache), seinen eigenen Becher unter 10 fremden Bechern auswählen kann und ihn dann tatsächlich holen kann (Bewegung). Schafft es das Kind, die gestellte Aufgabe zu erfüllen, wird sein Selbstvertrauen ansteigen. Beim nächsten Mal kann es sein, dass das Kind ohne zu fragen seinen Becher holt und trinkt. Dann ist das Kind selbständiger und wir sollten ihm eine größere Aufgaben geben.

Sprache
+
Bewegung
+
Vertrauen  =  Selbstvertrauen  =  Selbständigkeit

Vertrauen, Selbstvertrauen und Selbständigkeit bekommen die Kinder im Vogelnest also dadurch, dass wir für die Kinder sehr oft die Möglichkeit schaffen, lösbare Aufgaben OHNE unser Hilfe zu bewältigen. Bei der Frage, welche Aufgabe für welches Kind lösbar ist, können wir mittlerweile auf eine über siebenjährige Erfahrung mit mehr als 85 Kindern im Alter von 0 - 3 Jahren zurückgreifen.

Und trotzdem ist es jeden Tag aufs Neue eigentlich nicht mehr als:
Löst das Kind eine Aufgabe, dann gebe ich ihm eine schwierigere Aufgabe.
Löst das Kind die Aufgabe nicht, dann gebe ich ihm eine einfachere Aufgabe.

 

VERTRAUEN > SELBSTVERTRAUEN > SELBSTSTÄNDIGKEIT

In unserem ersten Flyer standen folgende 2 Sätze: „Ich kann volles Glas tragen, ich kann Gurke schneiden“. Was wir damals schon in diesen beiden einfachen Kindersätzen zum Ausdruck gebracht haben, wollen wir ein bisschen genauer betrachten.

Der Satzbeginn „Ich kann...“ signalisiert eine positive Selbsteinschätzung des Kindes, das Kind traut sich etwas zu.

Woher kommt solches Selbst-VERTRAUEN?
Was können Erwachsene tun, damit ein Kind Selbstvertrauen bekommt? 

Auf einem Fachvortrag auf der Bildungsmesse Didacta 2007 in Stuttgart sind die Worte „kindlicher Über-Optimismus“ gefallen, der ca. bis zum achten Geburtstag anhalte. 95% der Kinder nennen sich demnach selbst auf die Frage nach den 3 Klassenbesten. Zirka bis zum achten Geburtstag seien Kinder davon überzeugt, alles schaffen zu können, wenn sie sich nur genügend anstrengen. Welch riesiges Potential wartet damit in jedem einzelnen Kind darauf, von uns Erwachsenen entweder herausgefordert oder wenigstens nicht gestört zu werden?

Auf demselben Fachvortrag auf der Didacta 2007 in Stuttgart hat der Referent noch einen Satz gesagt, der sich mir nachhaltig einprägte: „Kinder sind Lern-Junkies“. Bei jedem Lern-Erfolgserlebnis sorgt die Ausschüttung chemischer Substanzen im Gehirn dafür, dass Lernen Spaß macht. Im Kindergehirn liefen beim Lernerfolg ähnliche Vorgänge ab, wie sie Fallschirmspringer beim Absprung oder Marathonläufer beim Zieleinlauf erlebten: Momente ungebremster Euphorie.

Wie wird ein Kind also wieder ein Lern-Junky, falls es diese ursprünglich in jedem Kind vorhandene Eigenschaft irgendwann verloren hat?

An diesen Satz ("Kinder sind Lern-Junkies") denke ich seitdem oft, wenn Kinder im Vogelnest etwas zum ersten Mal schaffen und dann „stolz wie Oskar“ sind, z.B.

zum ersten Mal allein von einer Erwachsenen-Hand zur gegenüberliegenden Wand zu laufen,
zum ersten Mal von einer Treppenstufe zu hüpfen,
zum ersten Mal die Schuhe alleine anzuziehen,
zum ersten Mal ohne Windel den Mittagsschlaf pannenfrei zu überstehen,
zum ersten Mal allein die Sprossenleiter hochzuklettern und ins Landekissen zu springen.

Das alles sind Erfolge für die Kinder, nach denen sie wieder um einen Kopf gewachsen sind. Körperlich hat sich natürlich nichts verändert, aber das Selbstvertrauen der Kinder ist tatsächlich wieder um einen Kopf gewachsen. Das erinnert mich wieder an den kleinen Satz in unserem ersten Flyer: „Ich kann volles Glas tragen, ich kann Gurke schneiden“. Jedes Mal, wenn ein Kind einen neuen „Ich kann . . . „-Satz in seinem Gehirn registriert, hat sich der Mut eines Erwachsenen bezahlt gemacht, das Kind etwas allein versuchen zu lassen.

 Dazu eine kleine Geschichte über unseren Sohn Noah: Irgendwann im Herbst 2009 er im Training seiner Breakdance-Gruppe Funky-Kids damit begonnen, Flick-Flack zu üben. Da er bis zu diesem Zeitpunkt seines Lebens schon sehr viele Lern-Junky-Erlebnisse machen durfte, hat er monatelang wie ein Besessener Flick-Flack geübt, so dass er ihn im Frühjahr 2010 endlich beherrschte. Er hat ihn dann voller Stolz bei der Zirkus-Vorführung zum 25-jährigen Jubiläum der Grundschule Hochdorf vor großem Publikum vorgeführt. Dazwischen lagen unzählige vergebliche Versuche, die ihn aber nicht dazu gebracht haben, die Flinte ins Korn zu werfen oder etwas Leichteres zu versuchen. Als Lern-Junky hat er sich derart darauf gefreut, diese Aufgabe zu meistern, dass ihn die vielen hundert gescheiterten Versuche nicht bremsen konnten.

Ich will mit dieser kleinen Geschichte klarmachen, dass ein Kind, das das Gefühl liebt, etwas Neues gelernt zu haben, sich extrem viel selbst beibringen kann, weil es einen wahnsinnigen Ehrgeiz entwickeln kann. Wenn solche Kinder etwas wirklich erreichen wollen, sind sie fast nicht davon abzuhalten. Lernen wird dann fast zum Selbstläufer, weil sie Spaß daran haben, zu üben – in Vorfreude auf das Erfolgserlebnis, das man auch als den „Ich-kann-Kick“ oder den „Ich-weiß-Kick“ bezeichnen könnte. Das ist so etwas wie ein positiver Teufelskreis: Ist das Kind erst mal ein Lern-Junky geworden, wird es sehr viel Energie darauf verwenden, neue Dinge zu lernen, weil es den „Ich-kann-Kick“ wieder erleben will. Da das Kind sehr viel Energie investiert und ausdauernd ist, wird es sein Ziel früher oder später erreichen und dadurch den „Ich-kann-Kick“ wieder erleben. Wann das Kind sich dann die nächstschwierigere Aufgabe selbst stellen wird, ist lediglich eine Frage der Zeit. So kann eine wahre Lern-Lawine losgetreten werden.

Von Geburt an sind also erst einmal alle gesunden Kinder Lern-Junkys, die zusätzlich sogar mit dem kindlichen Über-Optimismus ausgestattet sind, so dass sie sich tendenziell eher überschätzen als unterschätzen.

Unsere Aufgabe als Erwachsene besteht unserer Meinung nach darin, den Kindern AUFGABEN zuzuTRAUEN, die sie erfolgreich bewältigen können.

Wir sind uns auch sicher, dass Kinder dann KEIN Selbstvertrauen entwickeln können, wenn die Erwachsenen den Kindern nichts ZUTRAUEN und den Kindern nicht VERTRAUEN, Angst vor Fehlversuchen und kleinen Schrammen haben und beides - unvermeidbar - auch dem Kind vermitteln oder wenn Erwachsene einfache Aufgaben aus Zeitmangel regelmäßig selber übernehmen, anstatt sie das Kind erledigen zu lassen.

Für uns spielt also das Wörtchen „trauen“ in diesem Kontext die wichtigste Rolle. Warum hat sich seit 2003 noch nie ein Kind im Vogelnest geschnitten, obwohl die Kinder bei uns mit scharfen Messern Gurken schneiden? Wir TRAUEN uns, den Kindern etwas zuzuTRAUEN. Wir erklären den Kindern, dass nur die Klinge des Messers gefährlich ist, die Klingenrückseite und der Messergriff aber stumpf sind. Wer jetzt vermutet, wir hätten jahrelang einfach Glück gehabt, unterschätzt erstens die 0 - 3 Jährigen und zweitens die positive Wirkung der Tatsache, dass wir den Kindern diese Dinge tatsächlich ZUTRAUEN, obwohl die Dinge tatsächlich gefährlich sind. Wir erklären den Kindern die Risiken und geben Ihnen trotzdem die Chance, diese „riskanten“ Tätigkeiten auszuüben. Allein dadurch wächst das Selbstvertrauen der Kinder, weil sie spüren, dass wir ihnen zutrauen, „riskante“ Dinge zu tun.

Was kann dabei passieren?
  1. Schneidet sich das Kind nicht, was seit 2003 mit über 95 Kindern so geschehen ist, hat das Kind - und wir - jeden Grund, stolz zu sein: „Ich kann Gurke schneiden!“ Das Kind hat erfahren, dass es etwas kann, was wir ihm ZUGETRAUT haben. Das Kind hat jeden Grund, uns in Zukunft wieder zu VERTRAUEN. Aus unserem Vertrauen in das Kind ist echtes SELBST-VERTRAUEN des Kindes geworden. Aus unserem Vertrauen darauf, dass das Kind die ihm von uns zugetraute Aufgabe bewältigen kann, wird aber auch Selbstvertrauen für uns selbst. Denn wir haben es geschafft, für das Kind eine Aufgabe auszuwählen, die es bewältigen kann.
  2. Schneidet sich das Kind aber, weil es etwas getan hat, wovor wir es gewarnt haben, dann ist etwas passiert, worauf wir das Kind vorbereitet haben. Das Kind hat keinen Grund, sein Vertrauen zu uns in Frage zu stellen. Vielmehr weiß das Kind jetzt, dass es sich auf unsere Aussagen verlassen kann. Das Kind wird Schmerzen haben und schreien. Das hatten wir dem Kind ja aber vorausgesagt. Wir würden die Wunde verbinden und das Kind trösten. Das Kind hat jeden Grund, sich in Zukunft an unsere Gefahrenhinweise zu halten. Wir hatten dem Kind im Voraus erklärt, was es tun muss und was passieren wird, wenn es sich nicht an unsere Vorgaben hält. Das Kind hat sich nicht an unsere Vorgaben gehalten und muss mit den erlebten Schmerzen die Folgen seines Handelns tragen.
  3. Was aber, wenn das Kind sich geschnitten hat, obwohl es sich an unsere Vorgaben gehalten hat? Dann haben wir dem Kind eine zu schwere Aufgabe gestellt und haben einen Teil des Vertrauens des Kindes verloren, weil WIR einen Fehler gemacht haben! Es ist ganz wichtig, das dem Kind auch so zu vermitteln: Nicht das Kind hat den Fehler gemacht, sondern WIR! Wir müssen uns beim Kind entschuldigen und ihm Aufgaben geben, denen es gewachsen ist. Gelingen die nächsten (leichteren) Aufgaben wieder, gewinnen wir Stück für Stück das verlorene Vertrauen des Kindes zurück und auch das Selbst-Vertrauen des Kindes steigt wieder.

Das auf unserem Vertrauen basierende Selbst-Vertrauen des Kindes bildet wiederum die Grundlage für die darauf basierende SELBST-STÄNDIGKEIT des Kindes. Selbständigkeit ist aus den beiden Worten „Selbst“ und „Stehen“ zusammengesetzt. Ich denke wir sollten alle für unsere Kinder anstreben, dass sie „selbst stehen“ können, dass sie für sich selbst einstehen können, dass sie auch bei Gegenwind für sich selbst hin stehen können, dass sie ihre eigenen Interessen selbst wahrnehmen können. Einfach dass sie selbständig sind und so ihr Leben meistern können.

Unser Lieblingsbeispiel im Bereich der Selbständigkeit von Kindern stammt von Noah. Zu den vielen Schützentheater-Proben und Auftritten fuhr er schon im zweiten Jahr weitgehend alleine. Mit dem Bus ging’s mit Hilfe einer Pre-Paid-Karte für Busse von Hochdorf nach Biberach, wo er ausstieg und mit dem City-Roller von der Bushaltestelle am roten Bau zur Stadthalle fuhr. Wir waren die Strecke 3-mal mit ihm gemeinsam gefahren. Dann teilte uns der damals Siebenjährige mit, er könne das jetzt alleine und es sei ihm peinlich, wenn nochmal einer von uns mitkäme. Den Heimweg vom Schützentheater nach Hochdorf erledigte er damals dann auch ohne unsere Hilfe. Mit dem Cityroller fuhr er von der Stadthalle quer über den Marktplatz hinters Rathaus zum Geschäft seiner Oma, die ihn nach Geschäftsschluss mit dem Auto nach Hause fuhr. Von dieser Selbständigkeit hat sowohl Noah als auch wir profitiert: Noah, weil er „stolz wie Oskar“ allein durch Biberach fahren durfte und wir, weil wir die üppige Fahrerei nicht mehr hatten, die in der Hochphase des Schützentheaters schon ziemlich umfangreich sein kann.

Diese Selbständigkeit fällt natürlich nicht vom Himmel. Voraussetzungen für Selbständigkeit beim Kind sind wie schon dargestellt

Vertrauen der Erwachsenen in das Kind,
daraus erwachsend das Selbstvertrauen des Kindes,
gute Sprache beim Kind und
Spaß an der Bewegung beim Kind.

Sprache und Bewegung sind auf eigenen Seiten dargestellt. Basis des Selbstvertrauens des Kindes ist das Vertrauen der Erwachsenen in die Fähigkeiten des Kindes. Die Erwachsenen müssen dem Kind Aufgaben zutrauen, die für das Kind lösbar sind, damit das Kind Selbstvertrauen entwickelt. Wer also selbständige Kinder erziehen will, muss wissen, welche Aufgaben das Kind bewältigen kann. Das ist von Kind zu Kind natürlich unterschiedlich. Wer noch nicht viel Erfahrung mit 0 - 3 Jährigen hat tut, sich am leichtesten, "wissenschaftlich" vorzugehen. Was ist Wissenschaft in diesem Sinne? Wissenschaft ist „Versuch und Irrtum“. Man stellt dem Kind eine Aufgabe, die man für realistisch hält und von der man sicher ist, dass sie dem Kind nicht schadet. Misslingt dem Kind der Versuch, die Aufgabe zu lösen, sucht man eine leichtere Aufgabe. Löst das Kind die Aufgabe, stellt man ihm eine schwierigere Aufgabe.

An welche "Aufgaben" denke ich dabei bei 0-3 jährigen?

  • Gelingt es dem Zweijährigen noch nicht, die Treppe mit Hilfe des Geländers vorwärts runter zu laufen, bietet man ihm eben noch eine Hand zum Halten an. Gelingt es ihm schon sicher, kann man ihn ermuntern, ohne Hilfe des Geländers die Treppe vorwärts runter zu laufen. Für den Fall des Fehlversuchs sollte man natürlich fangbereit parat stehen und vielleicht nicht gerade auf der obersten von 20 Stufen anfangen. 
  • Wenn Lauf-Lern-Kinder an einer Hand noch nicht mitlaufen, geben wir ihnen einfach zusätzlich zu der einen Hand noch einen Finger in die andere Hand. Und wenn das Laufen an einer Hand schon gut funktioniert, laufen wir auf der Wiese vor dem Sandkasten mit dem An-EINER-Hand-Lauf-Kind auf einen dort hoppelnden Hasen zu und entziehen unauffällig unsere Hand. Die Faszination "Hase" wird das Kind die fehlende Hand vergessen lassen, so dass es 2 Meter von uns entfernt plötzlich feststellt: „Ich kann   ALLEINE   LAUFEN ! ! ! !“   
Lösbare Aufgaben  +  Vertrauen  =  Selbst-Vertrauen
Selbst-Vertrauen  +  Sprache  +  Bewegung  =  Selbständigkeit
 

SPRACHE

Woher soll ein Kind wissen, dass ich aus einem "Glas" trinke, wenn ich dem Kind das Glas nicht als "Glas" vorstelle? („Hallo volles Glas, in dir ist aber viel Wasser.“) Neben einem korrekten Satzbau hat das Kind unter anderem die Worte "Hallo", „voll“, „Glas“, „viel“ und „Wasser“ kennengelernt. Wenn solche simplen Sätze keine Eintagsfliegen sind, sondern der ganze Tagesablauf des Kindes voll solcher simpler Sätze ist, wird das Kind ganz automatisch sehr gut sprechen lernen.

Wir betrachten die Sprache als eine der 3 Grundvoraussetzungen der Selbständigkeit neben dem Vertrauen der Erwachsenen und der Bewegung. Deshalb stellt sich natürlich die Frage, wie ein Kind das Sprechen lernt. Unsere Meinung dazu lautet: Sprechen lernt man durch Sprechen; und zwar nicht in der Grundschule und nicht im Kindergarten, sondern auf dem Wickeltisch.

Ein Beispiel: Als Noah mit 3 Jahren in den Kindergarten kam sagte die dortige Erzieherin, er habe einen Wortschatz wie manche Kinder, die vom Alter her gerade hätten eingeschult werden sollen. Und er benutzte seinen tollen Wortschatz ganz selbstverständlich, während andere Kinder verschämt schwiegen. Warum? Weil Sandi seit Noah auf der Welt ist, extrem viel mit ihm redet, so dass Noah von Anfang an Spaß daran hatte, mit ihr zu kommunizieren und Sandi ihm immer schon vermittelte, dass er auf sein Können stolz sein kann. Heute sagen wir zu interessierten Eltern im Kennen-Lern-Gespräch: „Kommentiert einfach alles, was ihr tut, wie ein Radioreporter.“

Um die enorme Zahl neuer Wörter anzubieten, die ein Kind täglich lernen kann, muss ein riesiges Angebot an qualitativ guter Sprache vorhanden sein. Dieses Angebot findet sich in idealer Weise im täglichen Leben: Wenn alle Gegenstände des Haushaltsalltags immer beim Namen genannt und in ihrer Funktion beschrieben werden, wenn sie zum Einsatz kommen, lernt das Kind täglich Dutzende neue Wörter. Zugegeben: Es hört sich manchmal dämlich an alles und jedes zu kommentieren, aber der Erfolg hat Sandi nicht nur bei Noah Recht gegeben. Kinder, die von frühester Kindheit an viel mit Sandi zusammen sind, haben einen tollen Wortschatz, wenn sie das Vogelnest am dritten Geburtstag verlassen.

Ein Kleinkind kann die unglaubliche Zahl von bis zu 45 Wörtern pro Tag NUR DANN lernen, WENN wir ihm diese 45 neuen Wörter Tag für Tag ANBIETEN. Reden wir zu wenig mit den Kindern, trifft eine riesige Nachfrage auf ein nur dürftiges Angebot. Das wäre verhängnisvoll, weil im kindlichen Gehirn eine ungeheure Vielzahl von Verknüpfungen erlischt, wenn sie nicht genutzt werden. Das Gehirn verfährt quasi nach dem Verfahren „Use it or loose it“. Wir vermeiden das Risiko zu wenig zu sprechen wie schon gesagt dadurch, dass wir alles was wir tun, so unablässig kommentieren, dass ein unbeteiligter Dritter uns durchaus für verrückt halten könnte.

Woher nehmen wir all die Sprechanlässe? Ganz einfach: Zum Beispiel aus unseren täglichen Haushalts - und Gartenarbeiten. Überleg Dir mal, wie viele verschiedene Worte allein beim Kochen auftauchen: Pfeffer, scharf, Salz, salzig, Zucker, süß, Herd, heiß, Kochtopf, Schüssel, Messer, Löffel, Gabel,............ An Sprachanlässen und kindgerechten Worten fehlt es also in keiner Familie, in keinem Haushalt und in keiner Krippe, man muss nur die SPRECHGELEGENHEITEN  KONSEQUENT  NUTZEN. Wenn die Erwachsenen das beherzigen, werden sie Kinder aufwachsen sehen, deren Wortschatz und Sprachqualität ihnen keine Steine für den weiteren Lebensweg in den Weg legen, was bei Versäumnissen in diesen Bereich nur mehr schwer zu vermeiden ist.

Denn gerade Kinder im Alter von 0 - 3 Jahren sind besonders empfänglich für das Thema Sprache. Wenn es in diesem Alter versäumt wird auf die oben beschriebene spielerische Art Grundlagen für eine gute Sprache zu legen, wird es später nur noch unter großer Mühe möglich sein, dem Kind ein Sprach-Fundament zu geben, auf dem es ein stabiles Sprach-Haus bauen kann. Denn ohne ein stabiles Fundament kann kein stabiles Haus entstehen. Und da das Zeitfenster für das Erlernen von Sprache im Alter von 0 - 3 Jahren offen steht wie ein Scheunentor, wie es nie wieder geöffnet sein wird, legen wir im Vogelnest auf den Sektor Sprache allergrößten Wert.

Wie findet altersgerechte Spracherziehung sonst noch statt? Neben REDEN, REDEN, REDEN, REDEN, REDEN und nochmals REDEN auch durch gemeinsam angeschaute und erklärte Bilder-Bücher, vorgelesene oder noch viel besser selbst erfundene Geschichten, mit Begeisterung gesungene Lieder (egal ob schön oder nicht schön, egal ob richtig oder falsch, Hauptsache begeistert!). Aber in allererster Weise ganz einfach durch Sprechen, Sprechen und nochmals sprechen.

Was natürlich nicht vergessen werden darf, ist das ZUHÖREN. Kinder lernen das Sprechen dann ideal, wenn jemand interessiert zuhört. Denn jedem vergeht die Lust zu sprechen genau in dem Augenblick, in dem niemand zuhört; das gilt für Kinder genauso wie für uns Erwachsene. Deshalb gehört das Zuhören weniger in den Bereich Sprache als mehr in den Bereich des allgemeinen Anstandes. Diesbezüglich haben die Kinder aber exakt die gleichen Rechte wie Erwachsene auch. Es gehört sich nicht wegzuhören, wegzulaufen oder etwas anderes zu tun,  während jemand spricht, egal ob ein Erwachsener oder ein Kind spricht. Als Erwachsene würden wir dem Kind nicht nur die Lust zu sprechen nehmen, sondern wir wären dem Kind auch ein schlechtes Vorbild in Sachen Anstand, wenn wir dem sprechenden Kind nicht zuhören würden. Wie könnten wir vom Kind verlangen, uns oder später dem Lehrer zuzuhören, wenn wir es nicht schaffen, dem Kind zuzuhören.

Im Vogelnest wird garantiert niemals ein PC oder sonstiges Multimedia-Gerät zur Sprachschulung eingesetzt werden. Die Schlüsselkompetenz Sprache erschließt sich einem Kind nicht durch x Stunden Sprachtraining vor einem Bildschirm, sondern durch Sprechen über reale Gegebenheiten, wie wir sie den Kindern im Vogelnest täglich im Rahmen der Haushalts- und Gartenarbeiten sowie der ebenfalls üppig vorhandenen Freispielzeiten anbieten. Es kommt nur darauf an, diese Sprech-Angebote auch konsequent zu nutzen. PC, TV, CD-Player, MP3, Radio und sonstige digitale Medien halten wir im Bereich der 0 - 3 Jährigen für völlig unnötig, so dass diese Dinge im Vogelnest auch nicht genutzt werden.

Wie lautete schon der Text zum Lied der Sesamstraße?: „Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt bleibt dumm!“ Freut Euch also über jede Frage Eures Kindes! Denn: Wer nicht fragt bleibt dumm! Wichtig an der Antwort ist dann natürlich, dass ernsthaft und geduldig geantwortet wird, damit sich das Kind ernst genommen fühlt. Wer Fragen des Kindes immer nur genervt als dummes Kinderzeug abtut oder gar nicht antwortet, darf sich nicht wundern, wenn das Kind die Lust zu fragen verliert und damit die Lust zu sprechen. Jede Kinderfrage ist die Chance, dem Kind etwas beizubringen, dem Kind einen „Ich-Kann-Kick“ bzw. einen „Ich-Weiß-Kick“ zu verschaffen. Und wieder kommt die Anstands-Komponente mit ins Spiel: Warum sollte mir das Kind ernsthaft und geduldig antworten, wenn ich ihm zuvor nicht auch ernsthaft und geduldig geantwortet habe. Wir müssen uns unserer Vorbildfunktion immer bewusst sein.

Neben der Quantität der Sprache kommt es aber auch entscheidend auf die Qualität der Sprache an. Die von uns sogenannte „Tun-Sprache“ ist gerade bei uns im Oberschwäbischen ein auch unter Erwachsenen weit verbreitetes  Übel. Was die „Tun-Sprache“ ist erklärt sich am einfachsten an einem einfachen Beispiel-Satz:

Richtig lautet dieser Satz: „Ich schreibe einen Satz.“
Falsch lautet dieser Satz: „Ich tue einen Satz schreiben.“

Wie man sieht führt die Tun-Sprache nicht dazu, dass man denjenigen, der sie spricht, nicht versteht. Insofern könnte man sagen, darauf keinen Wert legen zu müssen. Aber aus den Krippenkindern von heute werden schon übermorgen Kindergartenkinder und schon nächste Woche geht’s in die Grundschule. Als ich diesen Text ursprünglich schrieb, war unser Noah dort gerade in die dritte Klasse gekommen, in der die Kinder erstmals frei aus dem Kopf heraus kleine Geschichten schreiben sollen. Dabei wird die Tun-Sprache korrekterweise als Stil-Fehler gewertet, so dass richtig gute Noten dadurch verhindert werden. Deshalb appellieren wir dringend an alle Erwachsenen - insbesondere an Omas und Opas - im Umgang mit Kindern auf die Tun-Sprache zu verzichten, egal wie putzig und süß das Kind auch sein mag.

Aber die Tun-Sprache ist nur der anschaulichste Teil der allgemeinen Baby-Sprache, in der manche Erwachsenen nicht nur mit Säuglingen, sondern auch mit Kleinkindern und Kindergartenkindern sprechen (z.B. enden Substantive allzu oft mit "chen" oder "lein"). Wir halten die allgemeine Baby-Sprache schon im Umgang mit Säuglingen für unangebracht, aber spätestens wenn die Kinder die ersten Worte sprechen, sollte unbedingt darauf geachtet werden, den Kindern qualitativ gute Sprache vorzuleben. Denn wie sollen Kinder normale Sprache lernen, wenn die Erwachsenen sie nicht damit konfrontieren? Das kann nicht funktionieren. Deshalb ist es notwendig, sich im täglichen Gespräch mit dem Kind eine qualitativ gute Sprache vom ersten Tag an anzugewöhnen, um die Kinder erst gar nicht in die Situation zu bringen, sich in der dritten Klasse etwas abgewöhnen zu müssen, was sie seit Jahren so praktizieren. Dieses Abgewöhnen fällt extrem schwer, wenn die Kinder im besonders sprachsensiblen Krippenalter von 0 - 3 Jahren ein falsches Sprachfundament von uns Erwachsenen übernommen haben.

Zu guter letzt ein Wort zu Dialekten: Es ist egal ob Tinis Hochdeutsch, mein Schwäbisch, Sandis Schwäbisch-Hochdeutsch-Mischmasch oder gar Noahs Baura-Schwäbisch vom Bulldoggsitz oba ra gesprochen wird. Es kommt lediglich darauf an, dass dieser Dialekt qualitativ gut gesprochen wird. Mein qualitativ gutes Schwäbisch nutzt den Kindern sicher mehr als in feinstem Hochdeutsch vorgetragene Tun-Sprache.

 

BEWEGUNG

Wir betrachten die Bewegung als eine der 3 Grundvoraussetzungen der Selbständigkeit neben dem Vertrauen der Erwachsenen und der Sprache an. Deshalb stellt sich natürlich die Frage, wie ein Kind die Freude an der Bewegung entdeckt. Unsere Meinung dazu: Freude an der Bewegung lernt man durch Bewegung, die Freude macht. Und zwar nicht in der Grundschule und nicht im Kindergarten, sondern auf dem Wickeltisch. Denn die Tendenz zu Übergewicht durch Bewegungsmangel und falsche Ernährung entsteht im Krippenalter.

Als unser Sohn Noah 2 Jahre und 8 Monate alt war, waren wir eine Woche im Ski-Urlaub. An der Talstation kauften wir ihm ein Paar Kinder-Plastik-Skier und zogen ihn zunächst nur vor dem Gebäude an den Stöcken über den Schnee. Da uns und ihm das großen Spaß machte, fragte er schnell, ob er nicht auch mal wie die Großen auf der Piste fahren könne. Also fuhren wir zu Dritt zum kürzesten Schlepplift und fuhren den kleinen Berg hinauf. Sandi nahm Noah zwischen ihre Beine und fuhr mit ihm langsam den kleinen Berg hinab. Vor lauter Begeisterung schrie Noah lauthals: „Na da Roea`, na da Roea`“ ("Hinunter den Berg, Hinunter den Berg"). Es konnte ihm gar nicht mehr schnell genug gehen und er gluckste vor lauter Glück. Am nächsten Tag hatten wir ihn dann schon im Klein-Kind-Skikurs angemeldet, von dem wir ihn abends freudestrahlend und glücklich erschöpft abholten.

Warum ist Bewegung so wichtig?

Bewegung ist gesund
Bewegung regt den Stoffwechsel an
Bewegung stärkt das Herz-Kreislauf-System
Bewegung beugt Übergewicht vor
Bewegung macht mobil und ermöglicht kleinen Kindern so neue Eindrücke
Bewegung macht schlank
Bewegung macht Spaß
Bewegung an der frischen Luft stärkt das Immunsystem
Bewegung macht beweglich; denn: wer rastet, der rostet
Bewegung macht müde
Bewegung macht klug 

Der letzte Punkt „Bewegung macht klug“ wird von Christina Buchner in ihrem Buch „Kluge Kinder fallen nicht vom Himmel“ - Herder Verlag Freiburg 1997, ausführlichst erläutert. Wer vor relativ wissenschaftlich gehaltenen Texten nicht zurückschreckt, kann sich hier gut informieren. 

Unsere Meinung zu Bewegung möchte ich wie folgt zusammenfassen:

Bewegung ist gesund.
Bewegung macht klug.
Bewegung macht glücklich. 

Und deshalb legen wir im Vogelnest auf sehr viel Bewegung allergrößten Wert, gehen als Erwachsene als gutes Beispiel voran und geben den Kindern tagtäglich unzählige Male die Gelegenheit, sich selbst zu bewegen, auch wenn manche Haushalts- oder Gartenarbeit viel schneller fertig wäre, wenn wir die Kinder tragen würden. ES LOHNT SICH.

 

LOB & BEGEISTERUNG

 Unserer Meinung nach ist es die Aufgabe von uns Erwachsenen in der Erziehung unter anderem, Kinder vor Herausforderungen zu stellen, die sie realistisch bewältigen können, wenn sie sich anstrengen. Erfüllen die Kinder diese Aufgabe, ist es für die darauf folgende Reaktion des Erwachsenen eigentlich egal, ob das Kind die Aufgabe erfüllt oder nicht. In beiden Fällen sollte der Erwachsene das Kind unbedingt loben, weil jeder Mensch auf Lob gleich reagiert:

Lob macht Freude
Lob macht Spaß
Lob motiviert zur nächsten Aufgabe
Lob macht stolz
Lob macht selbstbewusst
Lob tröstet und motiviert zu erneuten Versuchen, falls das Ziel verfehlt wurde.

Wenn das Ziel erreicht wurde, ist ehrliches Loben eigentlich logisch und sollte deshalb absolut selbstverständlich sein, um durch spürbare Anerkennung von außen das Selbstvertrauen des Kindes weiter zu stärken.

Hat das Kind sich aber angestrengt und trotzdem das Ziel nicht erreicht, sollte das Lob sogar noch größer ausfallen. Da das erst auf den zweiten Blick logisch ist, kann es durchaus schwierig sein. Das Kind hat sich genauso Aufgabe als wenn es das Ziel erreicht hätte und mehr kann man von dem Kind sicher nicht erwarten. Verweigern wir Erwachsene in dieser Situation auch noch unser Lob, dann fehlen dem Kind alle 3 Komponenten für ein erfolgreiches Weitermachen, die es hätte, wenn es erfolgreich gewesen wäre: Das ursprüngliche Selbstvertrauen ist wegen des Misserfolgs geschrumpft anstatt gewachsen, der eigene Stolz über das Erreichen des Ziels fehlt genauso wie das Lob der Erwachsenen. Diesen fehlenden Stolz über das Erreichen des Ziels und das geschrumpfte Selbstvertrauen sollten wir Erwachsene durch ehrliches Lob und ehrliche Anerkennung in Verbindung mit erfolgversprechenden Verbesserungsvorschlägen auszugleichen versuchen („Schade, sehr guter Versuch. Probier`s gleich nochmal und schneide dabei mit dem Messer hinter der Gabel ab, damit Du das abgeschnittene Wurst-Stückchen gleich auf der Gabel stecken hast und dann in den Mund schieben kannst“). Wenn das Kind sein Ziel trotz mehreren motiviert ausgeführten Versuchen nicht erreicht, sollte der Erwachsene wenn möglich überlegen, wie er die Aufgabe ein bisschen leichter gestalten kann, damit das Kind wieder ein Erfolgserlebnis verbuchen kann.

Ganz kontra-produktiv ist es, Kinder nach motivierten Fehlversuchen oder versehentlichen Missgeschicken zu kritisieren. Dadurch reduziert der Erwachsene das Selbstvertrauen des Kindes aktiv, so dass der nächste Versuch der identischen Aufgabe nur noch schlechter enden kann, als der erste Versuch, den das Kind mit noch intaktem Selbstvertrauen unternommen hat. Kritisieren ist damit sogar noch die aktive Steigerung des passiven Nicht-Lobens. Durch das Nicht-Loben verzichtet der Erwachsene darauf, das geschrumpfte Selbstvertrauen des Kindes durch Lob wieder aufzubauen – das geschieht passiv durch Unterlassen des Lobs. Durch Kritisieren reduziert der Erwachsene das durch den Misserfolg ohnehin schon geschrumpfte Selbstvertrauen des Kindes noch weiter – das geschieht aktiv durch die Äußerung der Kritik. Kritisieren bewirkt für den Fall, dass das Kind sich angestrengt hat, genau das Gegenteil dessen, was der Kritisierende erreichen will. Warum soll sich das Kind beim nächsten Mal wieder anstrengen, wenn es nicht nur die Aufgabe nicht erfüllen konnte, sondern darüber hinaus auch noch kritisiert wurde? Anstatt - wie vom Kritisierenden angestrebt – beim nächsten Versuch das Ziel zu erreichen, wird sich das Kind vielleicht nicht einmal mehr anstrengen. Wie schon gesagt, sollten wir Erwachsene den fehlenden Stolz über das Erreichen des Ziels und das angeknackste Selbstvertrauen durch ehrliches Lob und ehrliche Anerkennung in Verbindung mit erfolgversprechenden Verbesserungsvorschlägen auszugleichen versuchen. Im Idealfall versucht man wie Sokrates, durch geschicktes Fragen das Kind mögliche Verbesserungspotentiale selbst entdecken zu lassen.

Das Lob oder die anerkennenden Worte müssen aber ehrlich gemeint sein und Verbesserungsvorschläge müssen vom Kind umsetzbar sein, sonst gefährdet man die Vertrauensbasis. Zur Ehrlichkeit gehört es aber auch, offen auszusprechen, wenn man den Eindruck hat, dass das Kind sich nicht angestrengt hat. Es bringt nichts, ein Kind zu loben, das sich nicht angestrengt hat und dadurch ein realistisches Ziel nicht erreicht hat. Wenn ein Kind sich nicht anstrengt, eine Aufgabe also unmotiviert ausführt und dadurch die Aufgabe nicht erfüllen kann, ist der Erwachsene als Motivator gefragt. Das geht am besten, wenn der Erwachsene aufgrund der eigenen Begeisterung für diese Aktivität versucht, im Kind den Ehrgeiz und die Eigenmotivation zu wecken, die gestellte Aufgabe zu bewältigen.

Als wir uns im Jahr 2003 dazu entschieden, 0 – 3 Jährige Kinder in unserem privaten Wohnhaus zu betreuen, lag dieser Entscheidung die Begeisterung und die Faszination für diese Altersklasse zugrunde. Das geschah damals noch unbewusst. Inzwischen sind wir davon überzeugt, dass uns und den mittlerweile über 75 Kindern die Zeit in unserem Vogelnest deshalb so viel Spaß macht, weil wir von den ungeheuren Fortschritten der Kinder in diesem Alter so fasziniert und begeistert sind. In allen Bereichen menschlicher Fähigkeiten ist das

Alter von 0-3 Jahren die Zeit der rasantesten Fortschritte.

Kinder in diesem Alter brauchen nicht viel, um begeistert zu sein. Für sie ist alles neu ("Kleinigkeit, was Kinder freut"). Es genügt ja schon, im Garten einen Pflasterstein der Wegbegrenzung aus dem Boden zu holen, damit die Kinder völlig fasziniert sind von dem darunter zum Vorschein kommenden Ameisen-Gewirr. Selbst einsetzenden Regen vergessen die Kinder, während sie die Ameisen beobachten. Die Reaktion der Ameisen auf die Regentropfen steigert das Interesse der Kinder sogar noch. Ein einfacher Regenwurm auf der Hand eines Erwachsenen fasziniert eine ganze Hand voll Zweijähriger, so dass der Weg zum Hasenstall 20 Minuten länger als sonst dauert. Kinder in diesem Alter brauchen nicht viel, um glücklich zu sein. Das ist das, was uns an 0 – 3 Jährigen so begeistert.

 

  WERTE

 Welche "Werte" kann man denn bitte 0 - 3 Jährigen schon vermitteln?
Rücksichtnahme: Größere Kinder neigen vor lauter Begeisterung beim 3-Rad-Fahren oft dazu, die Finger der kleineren Krabbelkinder „aus Versehen“ zu übersehen und einfach drüber zu fahren. Hier müssen wir die Älteren regelmäßig zur Rücksicht ermahnen und entsprechend eingreifen.
  • Geduld: Wenn z.B. 8 Kinder am Mittagstisch erwarten, dass jetzt SOFORT das Essen ins Teller geschöpft wird und sie dann SOFORT essen können, so müssen sich 7 der 8 Kinder in Geduld üben. Ist dann in alle Teller geschöpft, so müssen sich 8 der 8 Kinder gedulden, denn vor dem Tischgebet beginnt niemand zu essen. JEDES Kind lernt im Vogelnest so das tägliche Warten, wie früher in der Großfamilie - "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr".
  • Hilfsbereitschaft: Wenn unsere Kleinen Durst haben aber mangels Körpergröße ihren Trinkbecher nicht alleine erreichen, bitten wir unsere Großen den Kleinen zu helfen. Das ist oft gar nicht nötig, weil unsere Großen den Kleinen meistens den Becher automatisch geben.
  • Teilen: Beim Spiel mit der Holzeisenbahn kommen die Kinder schnell an den Punkt, dass 2 Kinder gleichzeitig z.B. die rote Lok haben wollen. Da wir diese ganz bewusst nur einmal haben, müssen sich die Kinder irgendwie untereinander verständigen. Das passiert täglich unzählige Male im Vogelnest. Wir Erwachsenen schreiten dabei nur dann ein, wenn es zwischen den Kindern zur körperlichen Auseinandersetzung kommt. Denn jedes Kind kann spielen, aber FAIR streiten will gelernt sein.
  • Ordnung: Bevor die Bohnen nicht alle wieder im Bohnenbad liegen, darf kein Kind den Flur verlassen. Natürlich helfen wir Erwachsenen beim Aufräumen der vielen Bohnen. Es darf sich nur kein Kind einen ganz faulen Lenz machen und ohne zu helfen einfach warten, bis die "Dummen" die Bohnen aufgeräumt haben. Kein Kind darf bei uns das zweite Spielzeug holen, bevor das Erste nicht aufgeräumt ist.
  • Tischmanieren: Natürlich ist es für Kinder hochinteressant zu erfahren, wie Kartoffelbrei aus der Hand quillt, wenn man die Hand zur Faust ballt. Aber es ist peinlich, wenn derartige Sinnesübungen im Restaurant zelebriert werden. Im Vogelnest wird mit Besteck gegessen und der Kopf sollte IMMER über dem Teller sein. Sinnesübungen wie die oben beschriebenen lassen sich im Garten mit Erde und Wasser sinnvoller durchführen. Wir halten nichts von übertriebenem „Knigge“, aber grundsätzliche Tischmanieren können schon 0 - 3 Jährige einhalten, WENN die Erwachsenen es VORLEBEN, einfordern und dabei behilflich sind.
  • Sauberkeit: Wir putzen unser Haus so gut es geht gemeinsam MIT den Kindern. Dadurch entsteht bei ihnen ein Sinn für Sauberkeit. Sie erfahren, dass sie selbst mit Kehrwisch & Schaufel Schmutz beseitigen können. Käme abends die Putzfrau hätte das im Kind nicht die gleiche Wirkung. Die Kinder helfen selbst bei einer wichtigen Aufgabe mit , dadurch werden sie stolz und fühlen sich zu Recht groß.
  • Gesunde Ernährung: Wir kochen täglich frisch mit den Kindern. Dadurch gewöhnen sich die Kinder daran, dass leckeres UND gesundes Essen zwar Arbeit macht, aber kein Widerspruch ist.
  • Gesunde Ernährung: Im Vogelnest bekommen die Kinder keine Süßigkeiten und keine gesüßten Getränke. Auch werden Süßigkeiten nicht als Belohnung oder das Süßigkeitenverbot als Bestrafung eingesetzt. Die Kinder lernen passiv von uns als ihren Vorbildern auf ihre Gesundheit und auf ihren Körper zu achten, ohne dass Süßigkeiten als Erziehungsmittel missbraucht werden. Auch an den Geburtstagen der Kinder sind die Kinder ohne Kuchen glücklich, wenn sie Brezeln mitbringen und essen dürfen.
  • Sparsamkeit: Gehen Teile unseres teuren Holzspielzeug kaputt, reparieren wir es gemeinsam mit den Kindern, anstatt das kaputte Spielzeug wegzuwerfen und durch etwas Neues zu ersetzen, das natürlich viel schöner wäre als das alte Reparierte. So leben wir Sparsamkeit vor und für die Kinder wird das so zur Selbstverständlichkeit. Genauso gehören Bücher nicht auf den Boden und Spielzeuge werden nicht als Schlaginstrumente mißbraucht.
  • Sparsamkeit / Dankbarkeit: Lebensmittel und Getränke sind lebensnotwendig und es ist nicht selbstverständlich, dass beides im Überfluss vorhanden ist. Wir schöpfen den Kindern die Teller beim Essen nicht randvoll und werfen den nicht gegessenen Rest einfach weg. Wer den nur mäßig gefüllten ersten Teller leer gegessen hat, kann beliebig oft nachschöpfen. So vermeiden wir es, übermäßige Mengen des Mittagessens auf den Kompost werfen zu müssen und die Kinder gewöhnen sich an diese simple Methode.
  • Ausdauer: Wenn wir Erwachsenen eine Arbeit beginnen, führen wir diese in der Regel auch bis zum Ende durch, auch wenn die Kinder sich nörgelnd abwenden. Die Kinder sollen sich daran gewöhnen, dass man Aufgaben zu Ende bringt, auch wenn kleinere Probleme auftauchen oder der Anfangselan verflogen ist.
Wegen der konsequenten Vermittlung dieser Werte halten wir das Vogelnest für sehr wertvoll für die 0-3 jährigen.
 

RATSCHLÄGE EINES KINDES

  • Verwöhne mich nicht. Ich weiß ganz gut, dass ich nicht alles, was ich verlange, haben muss. Ich teste dich ja nur.
  • Hab keine Angst, mit mir bestimmt umzugehen. Ich ziehe es vor; dann weiß ich, woran ich bin.
  • Zwing mich nicht! Das lehrt mich, dass nur Macht zählt. Ich reagiere besser auf Anleitung.
  • Sei nicht wechselhaft. Das verwirrt mich & ich versuche desto mehr, alles zu erreichen, was ich will.
  • Falle nicht auf meine Herausforderungen herein, wenn ich etwas sage oder tue, nur um dich aus der Fassung zu bringen. Dann werde ich nämlich versuchen, noch mehr solche "Siege" zu erringen.
  • Sorge dich nicht zu sehr, wenn ich sage "Ich hasse dich". Ich möchte ja nur, dass es dir leid tut, wenn du mir etwas angetan hast.
  • Mach nicht, dass ich mich kleiner fühle, als ich bin. Dann werde ich mich nämlich wie ein toller Kerl benehmen.
  • Tu nichts für mich, was ich selber tun kann. Sonst fühle ich mich wie ein Baby und stelle dich weiterhin in meine Dienste.
  • Befass dich nicht zu sehr mit meinen schlechten Gewohnheiten. Das veranlasst mich nämlich, sie zu behalten.
  • Korrigiere mich nicht vor anderen Leuten. Es beeindruckt mich viel mehr, wenn du ruhig und allein mit mir sprichst.
  • Versuche nicht, mein Benehmen während eines Streites zu besprechen. Aus bestimmten Gründen kann ich zu dieser Zeit nicht so gut zuhören. Du kannst ja handeln, besprechen wollen wir es später.
  • Versuche nicht, zu predigen. Du wirst dich wundern, wie gut ich weiß, was richtig oder falsch ist.
  • Sag mir niemals, dass meine Fehler Sünde sind! Ich muss lernen, Fehler zu machen, ohne zu glauben, dass ich darum schlechter bin.
  • Nörgele nicht! Um mich zu schützen, muss ich tun, als ob ich taub wäre.
  • Verlange keine Erklärungen für mein falsches Benehmen. Ich weiß wirklich nicht, warum ich es getan habe.
  • Stelle meine Ehrlichkeit nicht in Frage. Ich bekomme leicht Angst und erzähle Lügen.
  • Vergiss nicht, dass ich gern Experimente mache. Ich lerne davon, darum lass mich doch bitte.
  • Schütze mich nicht vor Folgen. Ich muss aus Erfahrung lernen.
  • Schenke meinen kleinen Leiden nicht zu viel Aufmerksamkeit. Es könnte sonst sein, dass ich eine schwache Gesundheit schätzen lerne, weil sie mir so viel Aufmerksamkeit einbringt.
  • Entziehe dich nicht, wenn ich wirklich etwas wissen will. Sonst wirst du merken, dass ich mir meine Antworten woanders suche.
  • Denk nicht, es sei unter deiner Würde, dich bei mir zu entschuldigen. Eine ehrliche Entschuldigung erzeugt in mir warme Gefühle dir gegenüber.
  • Deute nie an, dass du perfekt oder unfehlbar bist. Du wärst ein zu großes Vorbild für mich.
  • Sorg dich nicht, dass du zu wenig Zeit für mich hast. Was zählt, ist, wie wir die Zeit miteinander verbringen.
  • Vergiss nicht, dass ich ohne sehr viel Verständnis und Ermutigung nicht gedeihen kann!
  • Bedenke: Ich lerne mehr von einem Vorbild als von einem Kritiker!

Leider wissen wir nicht, wer diese "Ratschläge eines Kindes" zusammengetragen hat. Weil wir sie aber für richtig toll halten, wollten wir sie interessierten Eltern zur Verfügung stellen. Wir hoffen, damit nicht auf guttenbergschen Spuren zu wandeln.